Skandal um Dioxin in Tierfutter weitet sich erneut aus
Der Skandal um Dioxin-verseuchtes Tierfutter hat sich erneut ausgeweitet. Wie ein Sprecher des schleswig-holsteinischen Agrarministeriums am Freitag bestätigte, war Dioxin bereits im März in einer Probe des Futtermittelherstellers Harles und Jentzsch nachgewiesen worden, deutlich früher als bisher bekannt. Inzwischen wurden mehr als 4700 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland vorsorglich geschlossen.
Bislang war nur bekannt, dass Harles und Jentzsch im November und Dezember 3000 Tonnen mit Dioxin verseuchtes Futterfett an Futtermittelhersteller im gesamten Bundesgebiet verkauft hatte. Das von diesen erzeugte Futter war an zahlreiche Bauerhöfe geliefert und unter anderem an Legehennen und Masttiere verfüttert worden. Das Dioxin war offenbar in technischen Fettsäuren enthalten, die nicht für die Herstellung von Lebens- und Futtermitteln geeignet sind.
Die jetzt bekanntgewordene dioxinhaltige Futterfett-Probe vom März stammte den Angaben zufolge aus der Eigenkontrolle des Unternehmens und war von einem privaten Labor untersucht worden. Das Ergebnis behielten die Verantwortlichen verbotenerweise für sich, sagte ein Ministeriumssprecher in Kiel. Die Existenz der Probe hatte die Firma den Behörden erst nach der Entdeckung des Skandals Ende Dezember im Rahmen der eingeleiteten Kontrollen offenbart. Eigentlich hätten die Behörden sofort informiert und die betroffene Charge des Futtermittelvorprodukts nie verarbeitet werden dürfen.
Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) vermutet nach Angaben eines Sprechers inzwischen einen kriminellen Hintergrund hinter dem Skandal. Die Indizien sprächen für “ein hohes Maß an krimineller Energie”, sagte dieser vor Journalisten in Berlin. Die Firmenleitung hatte die Verunreinigung anfangs mit einem Versehen erklärt. Aigner werde am Montag mit Futtermittelherstellern und den Spitzen der landwirtschaftlichen Verbände in Berlin zusammentreffen, um über Konsequenzen zu beraten, sagte ihr Sprecher. Die Ministerin forderte zudem europaweit einheitliche Regelungen für einen besseren Lebensmittelschutz.
Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums stieg die Zahl der geschlossenen Betriebe bis Donnerstag auf 4709. Die meisten davon liegen in Niedersachsen. Größtenteils handelt es sich um Schweinemastbetriebe, darunter waren aber auch Legebatterien und Milchbauernhöfe. Laut niedersächsischem Agrarministerium wurden bei Kontrollen von Eiern bisher in fünf Fällen festgestellt, dass die Doxin-Grenzwerte überschritten waren.
Auch das Landesministerium in Hannover sah nach eigenen Angaben zunehmend Indizien für illegale Aktivitäten. So seien dioxinhaltige Tierfutterfette in Niedersachsen von einer zu Harles und Jentzsch gehörenden Spedition in Bösel verarbeitet und verteilt worden, die dazu gar nicht berechtigt gewesen war. Die Spedition hatte auf ihrem Betriebsgelände ein Rührwerk und Tanks unterhalten, in denen sie technische, pflanzliche und tierische Fette nach Bedarf gemischt habe. Sie sei aber nur als Spedition angemeldet worden, teilte das Ministerium mit. Deshalb sei sie von den zuständigen Kontrolleuren gar nicht erfasst worden.
